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Denkmal für die verstorbenen Kriegsgefangenen des Stammlagers 348 und Patienten der Psychiatrischen Klinik "Igren".

 
Auf dem Foto: ein Denkmal für die umgekommenen Kriegsgefangenen des Lagers "Dnipropetrowsker Grube" und die während der Besetzung getöteten Patienten des psychiatrischen Krankenhauses. Das Denkmal liegt am Eingang des Krankenhauskomplexes. Quelle: http://www.sgvavia.ru/forum/79-566-1
 
 Die Geschichte des erwähnten Erinnerungsortes beginnt im Oktober 1941. 

Laut der Doktrin der Wehrmacht verlief der weitere Vormarsch der Truppen nach Osten mit der Schaffung eines Systems stationärer Großlager im Verantwortungsbereich der Besatzungsverwaltung. In Dnipropetrowsk kann der Beginn der Einrichtung eines solchen Lagers, dessen Geschichte durch ein Denkmal aufgezeigt wird, auf den Oktober 1941 datiert werden. 

In offiziellen NS-Unterlagen hatte das Lager den Namen "Stammlager 348" (abgekürzt "Stalag"). Es war für die gefangenen sowjetischen Soldaten und Unteroffiziere bestimmt. Das Stalag stellte keinen einzelnen Komplex dar, sondern war in der ganzen Stadt Dnipropetrowsk als separate Segmente verteilt. Dafür nutze man geeignete Gebäude in der Stadt. Zum Beispiel befand sich das Hauptelement des Lagers in der Stadt in einem ehemaligen Gefängnis. 

Das beschriebene Mahnmal befindet sich derzeit auf dem Territorium des Wohngebiets „Igren“ in der heutigen Stadt Dnipro. Während der Kriegsjahre war die Region „Igren“ jedoch eine unabhängige Stadt. Darüber hinaus war das lokale Element des Stalag-348 die provinzielle Zweigstelle des Lagers in einer anderen Siedlung. Diese Bemerkung ist sehr wichtig, da die meisten Informationen, die über Stalag-348 erhalten wurden, zu den zentralen Elementen im ehemaligen Dnipropetrowsk gehören und Informationen über andere Zweige des Lagers derzeit noch nicht gefunden wurden. 

In diesem Zusammenhang ist eine Fehlinterpretation bei der Erforschung der Geschichte dieses Erinnerungsortes möglich. 

Für die Lage der Zweigstelle von Stalag-348 in Igren, wo sich heute das Denkmal für die umgekommenen Kriegsgefangenen befindet, wurde ein lokales psychiatrisches Krankenhaus ausgewählt. 

Eine Desinfektions- und Quarantänestation für kranke Kriegsgefangene konnte vermutlich auf diesem Territorium eingerichtet werden. Diese Station gab es seit dem 15. November 1941 (Angaben aus den Unterlagen des Zentralstaatsarchivs der obersten Behörden der Ukraine (Bestand KMF-8, Liste 2, 148, S. 63)). 

Das Krankenhaus wurde im Voraus für die Unterbringung von Kriegsgefangenen ausgewählt, weil sich die notwendige Anzahl der freien Gebäude hier auf einem kompakten Territorium befanden, die schnell zu Baracken umgebaut werden konnten. 

Die interne Hierarchie der Dienststellungen des Lagers (wer leitete die einzelnen Abteilungen, sowie die Quarantänestation des Krankenhauses) ist unbekannt. Die gesamte Lagerverwaltung des Stalags-348 ist jedoch für die Massenvernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen entweder durch direkten Mord oder durch die Unterstützung unerträglicher Überlebensbedingungen verantwortlich. 

Das wird durch die Angaben der Häftlinge des Lagers in Bezug auf die Sommerperiode 1942 bestätigt. Laut verschiedenen Quellen waren die zweistöckigen Krankenhausgebäude mit einer höchstmöglichen Anzahl an Patienten gefüllt. In jedem Krankenzimmer mussten sich bis zu 50 Personen gleichzeitig aufhalten. Die Behandlung und Pflege war schlecht organisiert. Die deutschen Ärzte kümmerten sich nicht um die Soldaten der feindlichen Armee, weil sie Angst davor hatten, dass sie möglicherweise von sowjetischen Soldaten angesteckt oder infiziert zu werden. Die Mediziner waren also auch Gefangene. Es gab einen katastrophaler Mangel an Medikamenten. 

Ein besonderes Problem war die Ernährung. Ab Juli 1941 legte die Führung der Wehrmacht fest, das Essen für die aktiven Truppen aufzubewahren. Man hatte nie vor, den Kriegsgefangenen viele Produkte zu verteilen. Dabei die Faktoren wie Krankheit, harte körperliche Arbeit o.ä. spielten keine Rolle. Die Ration in allen Lagern des Reichskommissariats "Ukraine" bestand aus der sogenannten "Balanda", d. h. Mehlsuppe. Es gibt Informationen, dass die Gefangenen des Stalags-348 auch die Überreste von toten Pferden und vom Vieh als Speise bekommen hatten. 

Nach offiziellen Angaben der Sonderuntersuchungskommission wurde das Kriegsgefangenenlager in Dnipropetrowsk während der gesamten Besatzungszeit zum Grab von rund 30 000 Soldaten der Roten Armee. Bisher ist die Richtigkeit der Zahl der Umgekommenen umstritten. Auch wird in Frage gestellt, ob die Sonderuntersuchungskommission alle Kategorien von Umgekommenen, darunter beispielsweise erschossene, schwerkranke oder hungernde Soldaten, berücksichtigte, weswegen weiterhin Unklarheiten existieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist jedoch davon auszugehen, dass die meisten Häftlinge an Hunger gestorben sind. 

Die Geschichte des Stalags-348 kann durch zusätzliche Berichte der Augenzeugen ergänzt werden. Interesse erwecken zum Beispiel Erinnerungen von Michail Andrejewitsch Smirnow, der ein Gefangener des „Durchgangslagers“ und ein Mediziner war und zur Behandlung der an Typhus erkrankten Patienten eingesetzt wurde. Er erzählt, wie Kriegsgefangene sich bei ihrem Arztbesuch, als tödlich krank darstellten, um danach zur Unterbringung in das städtische Krankenhaus für Infektionskrankheiten zu kommen und so fliehen konnten, weil die Ärzte sie als „verstorben“ registrierten. 

Die Geschichte des Stammlagers-348 endet im Mai 1943, als die sich zurückziehende NS-Armee die Evakuierung großer stationärer Lager auf dem Territorium der Ukraine initierte. Es ist offiziell bekannt, dass alle Kriegsgefangenen aus Dnipropetrowsk in das Konzentrationslager „Mauthausen“ in Österreich und in andere Lager überführt wurden. Trotzdem wurden erhebliche Mittel und Anstrengungen zur Evakuierung der Gefangenen zur Verfügung gestellt. Man plante, die Gefangenen in Militärunternehmen und in Bergwerken zwangsarbeiten zu lassen. Das Lager wurde zunächst umbenannt und dann mit einigen anderen evakuierten Lagern zusammengelegt. 
 
Quelle: http://www.sgvavia.ru/forum/79-566-1
 
 Das Denkmal besteht aus zwei Teilen.  

Der erste Teil ist die zentrale Figur des Gefangenen. Das ist eine große Bronzestatue, die einen Gefangenen des Lagers darstellt. Er fällt und zerreißt mit den Händen den symbolhaften Stacheldraht. Höhe beträgt 5,2 Meter. Das Denkmal ist auf einer Granitplatte mit einer Höhe von 0,6 Metern und einer Länge von 1,8 Metern installiert. Die Statue ist schwarz angestrichen. Das zweite Detail ist ein Flachreliefbild der Opfer des Lagers in 3 Metern Entfernung im Zaun, der das Territorium des Krankenhauses umgibt, hinter der Silhouette eines Gefangenen eingebaut. Hier sind zwei Männer, ein Mädchen und ein Kind dargestellt. Größe beträgt 2,1 x 40 Meter. Die Farbe der Komposition ist grau. Links vom Bild der Opfer im Flachrelief wurde der Satz „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen“ gepflastert. Heutzutage ist diese Inschrift abgebaut. Dieses Denkmal ersetzte ein früher auf diesem Gebiet stehendes Denkmal. 

Das vorige Denkmal wurde im April 1973 errichtet. Es war ein Pylon aus Ziegeln, der mit schwarzen Keramikfliesen bedeckt war. In einer Höhe von 2,3 Metern über dem Boden befand sich eine Gedenktafel aus rotem Granit mit dem Text: "Hier wurden die Kranken und Gefangenen des Konzentrationslagers von den deutschen Besatzern während des Großen Vaterländischen Krieges erschossen." Vor dem Pylon befand sich ein Blumenbeet, das mit einem Rand aus schwarzen Keramikfliesen eingefasst war. Das Territorium des Denkmals wurde mit Stahlbetonplatten ausgelegt. 

 
Das erste Denkmal wurde 1973 an dieser Stelle errichtet. Das Originalfoto befindet sich im Archiv des regionalen Zentrums für den Schutz historischer und kultureller Werte Dnepropetrowsk (Dnepr, Dmitry Yavornitsky Avenue, 18).
 
Die Errichtung des neuen Denkmals, das am Anfang des Textes beschrieben wurde, erfolgte im Jahre 1983. 

2017 wurde das Denkmal von Vandalen beschädigt. Insbesondere wurde das linke Bein der Bronzestatue in der Mitte der Komposition zerstört. 

Genaue Benennung: „Denkmal für die Opfer des Konzentrationslagers „ Dnipropetrowsker Grube“. Errichtungsdatum: 1983. 

Genaue Adresse: Gebiet Dnipropetrowsk, Stadt Dnipro, Wohngebiet „Igren“, das psychiatrische Gebietskrankenhaus in Dnipropetrowsk, Haupteinfahrt (in der Bechterewa-Straße). 

QPS-Koordinaten: 48.477306,35.185066  N 48º 28.629` E 35º 11.11` 

Das Denkmal befindet sich links von der zentralen Einfahrt des Krankenhauses und es ist das erste Objekt, das durchreisende Besucher sehen. 

Wichtiger Hinweis: Heutzutage gilt das Einfahrtstor in der Nähe des Denkmals nicht als zentraler Eingang zum Krankenhausterritorium. Das Tor wird zum Einfahren von Fahrzeugen verwendet. Wenn Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Krankenhaus kommen, ist zu erwähnen, dass Sie an der Bushaltestelle in der Nähe des neuen Eingangs aussteigen. Dieser Eingang befindet sich vor dem Einfahrtstor. Zum Denkmal sollen Sie von der Bushaltestelle einige hundert Meter die Straße entlang gehen. 

Direkt vor dem Denkmal und dem Einfahrtstor befinden sich die Straße und das Bahngleis. Hinter dem Denkmal und dem Tor des Krankenhauses beginnt eine Gasse, die durch eine kleine Parkanlage zu den Hauptgebäuden des Krankenhauses führt. 

Der Zugang zum Denkmal sowie zum ganzen Territorium des Krankenhauskomplexes ist öffentlich zugänglich. 

Die Autoren des Denkmals: Bildhauer Schtschedrov W. I., Architekt Polozhij W. S. 

Das Denkmal wurde 1983 mit der Eigenfinanzierung des Krankenhauses nach dem Beschluss des Vollzugsausschusses des Igrener Stadtrats errichtet. 

Derzeit ist das Denkmal unter der Treuhandschaft der Abteilung für kommunale Wirtschaft des Bezirks Samarskij der Stadt Dnipro. 

Mit ihren Kommentaren, Anmerkungen und Vorschlägen das Denkmal betreffend können sich alle interessierten Personen an das Amt für den Schutz des Kulturerbes des Stadtrats von Dnipro wenden (https://dniprorada.gov.ua/uk/page/upravlinnya-z-pitan-ohoroni-kulturnoi-spadschini). 

 
  1. Архів УСБУ у Дніпропетровській області, фонд 4, опис 2, справа 65 [Archiv des Sicherheitsdienstes der Ukraine im Gebiet Dnipropetrowsk, Bestand 4, Liste 2, rechts 65] 
  2. Архів УСБУ у Дніпропетровській області, фонд 4, опис 2, справа 66 (т. 2). [Archiv des Sicherheitsdienstes der Ukraine im Gebiet Dnipropetrowsk, Bestand 4, Liste 2, rechts 66 (2. Band)] 
  3. Військовий полон та інтернування. 1939–1956. Погляд через 60 років [Kriegsgefangenschaft und Internierung. 1939-1956. Blick in 60 Jahren] / Матеріали міжнародної наукової конференції 2–4  червня 2006 р. [Material der internationalen wissenschaftlichen Konferenz am 2.- 4. Juni 2006]. — К.: Парламентське вид-во, 2008. — 336 с. 
  4. Марінченко О. О. Демографічний вимір поразки 1941 р.: масштаби втрат РСЧА військовополоненими на території України [Demographische Vermessung  der Niederlage 1941: Ausmaß der Verluste der Roten Armee als Kriegsgefangene auf dem Territorium der Ukraine] // Український сторичний журнал. – 2013. – № 3. – С. 151–171. 
  5. Material des Interwies mit Smirnov Michail Andrijowitsh [Elektronische Quelle] // iremember [Website] - Zugriff: https://iremember.ru/
  6. Олександр Пагіря Місця нацистського терору на території Дніпропетровської та Запорізької областей [Orte des NS-Terrors auf dem Territorium der Gebiete Dnipropetrowsk und Saporozhje] [Elektronische Quelle], 1941–1944 рр. / О. М. Пагіря // Меморіальний музей тоталітарних режимів "Територія Терору": [Webseite] – Zugriff: http://territoryterror.org.ua/
  7. Полуда В.А. Умови побуту військовополонених у період світових воєн ХХ століття [Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen im Zeitraum der Weltkriege des 20. Jahrhunderts] / В.А. Полуда // Українська Друга світова: Матеріали міжнародної наукової конференції до 70-ї річниці перемоги над нацизмом у Другій світовій війні (5 травня 2015 р., м. Київ) [Der Zweite Weltkrieg in der Ukraine: Material der internationalen wissenschaftlichen Konferenz zum 70. Jahrestag des Sieges über den Nazismus in dem Zweiten Weltkrieg]. – С. 179–187. 
  8. Г. Дубик  Довідник про табори, тюрми та гетто на окупованій території України (1941–1944) [Nachschlagewerk über Lager, Gefängnisse und Gettos auf dem besetzten Territorium der Ukraine (1941-1944)] / упор. Г. Дубик – К., 2000. – 304 с. 
  9. Пастушенко Т. Система німецьких таборів для радянських військовополонених в Україні (червень – грудень 1941 р.) [Das System der deutschen Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen in der Ukraine (Juni-Dezember 1941)] / Т. Пастушенко // Краєзнавство. – № 2. – 2011. – С. 116–125. 

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