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* in den besetzten Gebieten

Gross-Lazarett № 192

Am 24. Juli 1942 wurde Rostow am Don zum zweiten Mal besetzt. Schon im August wurde auf dem Gelände der 1. Rostower Artillerieschule der Panzerabwehr ein Lazarett für Kriegsgefangene eingerichtet, das Großlazarett № 192. Hierher wurden verwundete und kranke Kriegsgefangene aus Lagern aus Rostow, Bataisk, Salsk, Millerowo und anderen Orten gebracht.




Die Kriegsgefangenen lebten unter folgenden Lagerbedingungen: sie bewohnten Baracken, schliefen in zweistöckigen Holzkojen, bekamen als Nahrung 150 Gramm Brot aus verbranntem Getreide und Suppe ohne Salz mit einer Mischung aus Gerstenkleie, Perlgerste und verfaulten Nudeln. Die Behandlung  war ziemlich beschränkt – dazu gehörte bloß die Ausgabe von Verbänden und Mangan höchstens einmal in zwei Wochen. Zu den Lebensbedingungen gehörten auch ungeheizte Zimmer mit einer Fläche von 60-70 m2 ohne Matratzen, Matten oder Stroh, in denen die Gefangenen Erfrierungen dritten Grades erlitten.





Die Lagerleitung stellte ihnen kein Wasser zur Verfügung, deshalb ließen sich die Kriegsgefangenen (12 bis 20 Mann) in einen Karren mit 40 Wasserfässern einspannen und legten 1,5-2 Kilometer mit dieser Last zurück.




Gequält von Durst und Hunger gingen die Kranken nach draußen, um Schnee oder Überreste aus der Küche zu holen, was einem Fluchtversuch glich. In solchen Fällen, sowie bei Fluchtversuchen, wurden die Kriegsgefangenen im Hinterhof an einer Ziegelmauer erschossen. An dieselbe Stelle wurden auch die Leichen der an Kälte und Krankheiten gestorbenen Gefangenen herausgetragen. Die tägliche Sterbensrate im „Lazarett“ reichte bis zu 100 Personen am Tag. Ende 1942 wurden im Großlazarett № 192 bis zu 8.000 Kranke gefangen gehalten. Es ist nicht genau bekannt, wer an der Überwachung der Gefangenen beteiligt war. Gewöhnlich wurden in solchen Fällen spezielle Truppen gebildet und Kollaborateure engagiert. Nach der Befreiung der Stadt am 14. Februar 1943 zählte eine Spezialkommission etwa 3000 Leichen, 383 Leichen fand man auf der Erde neben dem Graben. Im „Lazarett“ selbst waren noch 5400 Verwundete und Kranke. Nach neueren Einschätzungen reicht die Zahlen der Toten im Massengrab von 6.000 bis zu 8.000.



1945 wurde an der Stelle des Massengrabs ein Denkmal eröffnet. Es bestand aus einem 2000 m2  großen Gelände, das von Bäumen umrandet war. In der Mitte war ein mit Blumen bepflanzter Erdhügel, vor ihm das Denkmal für die Befreier. Eine Inschrift auf der Marmorplatte zeugte davon, dass im Grab „sowjetische Kriegsgefangene des NS-Todeslagers liegen, brutal gequält und erschossen wurden“. Das Mahnmalgelände gehörte nicht mehr zur Schule und befand sich in städtischem Eigentum. In den 1970ern expandierte die Rostower Hochschule für Ingeneurwissenschaften: es wurde ein Gebäude hinzugefügt, das nur über das Mahnmal zugänglich war. Mit Erlaubnis der Stadtverwaltung wurde 1975 das Massengrab, 30х70 Meter groß, mit Betonplatten bedeckt, vorher wurde eine partielle Exhumation durchgeführt. Heute befindet sich das ehemalige Lagergelände im Verantwortungsbereich des „183. Lernzentrums“ des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation. Es ist eine “Militärschule”, die auch eine militärische Dienststelle ist. Die Grabstelle ist nicht  markiert, obwohl die Geschichte des Großlazaretts in der Stadt bekannt ist und das zweitgrößte Verbrechen der NS-Besatzer in Rostow am Don darstellt. Im Laufe der 2010er führten Rostower Initiativen mehrmals Gedenkzüge zum Denkort durch. 2011 richtete eine Gruppe von Schulveteranen (N. Polovinchuk, N. Shevkunov) zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden der Allrussischen Gesellschaft für Denkmalpflege in Rostow einen Appell an den Präsidenten der Russischen Föderation, den Premierminister der Russischen Föderation, den Gouverneur der Region und den Bürgermeister der Stadt. Die Verfasser des Appells schlugen vor, einen Teil der damals geschlossenen Militärschule  als Museums- und Mahnmalkomplex zu verwenden. 2015 wurde das gleiche Anliegen im lokalen Fernsehen von den Rostower Sozialaktivisten A.Z.  Karpenko und A. P. Stasyuk formuliert.  Bisher wurden diese Vorschläge nicht umgesetzt. Statt eines Museums steht an der Stelle des Großlazaretts ein großer militärischer Lernkomplex, der mit hohen Mauern und Stacheldraht umrandet ist.
Michael-Nagibin-Prospekt, 24/50
Eintritt ins Lernzentrums ist nur mit einer schriftlichen Genehmigung möglich. Zugang zum Denkort erfolgt nach vorzeitiger Vereinbarung. 
Erinnerungsorte