Vergessene Opfer des Nationalsozialismus
Weltbekannt ist das 2005 errichtete Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas direkt neben dem Brandenburger Tor in Berlin. In der Schlucht "Babyn Jar" der ukrainischen Hauptstadt Kyiw erinnert ein Mahnmal an den "Holocaust durch Kugeln". Im belarussischen Chatyn befindet sich eine Gedenkstätte für die zivilen Opfer der deutschen Besatzung und die "verbrannten Dörfer". Im russischen Pskow wird eine Gedenkstätte am Ort des Kriegsgefangenenlagers Stalag 372, in dem Rotarmisten ums Leben kamen. Europaweit erinnern KZ-Gedenkstätten u. a. an politisch Verfolgte, an Sinti, Roma sowie an sogenannte "Berufsverbrecher" und "Asoziale". 

Diese unvollständige Liste zeigt die Vielfalt der Opfergruppen des Nationalsozialismus, denen in den Projektländern Erinnerungsorte gewidmet sind. 

…da ist doch an alle gedacht, oder? 
 
Unter vergessenen Opfern des Nationalsozialismus verstehen wir diejenigen Opfer, die im heutigen Bewusstsein und der öffentlichen Wahrnehmung nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Ziel unserer Plattform "Terra Oblitia – Open Memory Map" ist es, Erinnerungsorte zu vergessenen NS-Opfern auf einer Karte zu verzeichnen und sie mitsamt den Akteuren vor Ort vorzustellen. 
 
Um uns diesem Ziel anzunähern, brauchten wir ein gemeinsames Verständnis davon, was vergessene NS-Opfer für uns sind und mussten uns auf einen Rahmen für die entstandene Plattform einigen. Dazu haben wir verschiedene Erinnerungsorte in Bremen, Rostow am Don und Dnipro besucht, uns mit Akteuren vor Ort ausgetauscht und mit Erinnerungskultur auseinandergesetzt. Außerdem haben wir darüber diskutiert, was mögliche Kriterien dafür sind, dass NS-Opfer in der Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten und welche Gruppen davon betroffen sind. Entscheidende Kriterien sind unserer Auffassung nach: 
 
1. Ob Gedenkstätten, Denkmälern, Friedhöfe oder andere Erinnerungsorte vorhanden sind 
2. Ob es Organisationen, Initiativen oder andere Interessengruppen gibt, die sich für Überlebende einsetzen oder Erinnerungsarbeit leisten 
3. Ob und inwiefern Forschung und Dokumentation über die Gruppen stattfinden bzw. stattgefunden haben 
4. Ob die Gruppen von staatlicher, insbesondere deutscher Seite als NS-Opfer anerkannt sind und Anspruch auf Entschädigungsleistungen oder andere ähnliche Leistungen vom deutschen Staat haben. 

Die von uns erarbeiteten Kriterien haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind als Grundlage für Analysen, Diskussionen oder Entscheidungen zu verstehen. Auch können durchaus einzelne Kriterien erfüllt sein und trotzdem eine Gruppe zu den vergessenen Opfern gehören. 
 
Aufgrund der Zusammensetzung unserer Projektländer wollen wir unseren Fokus auf die vergessenen Opfer des deutschen „Vernichtungskrieg im Osten“ und der deutschen „Lebensraumpolitik“ legen. Um die Nutzung der Karte zu vereinfachen, kann man die Karte nach folgenden Kategorien vergessener Opfer filtern: 
 
Sowjetische Kriegsgefangene 
Roma 
Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten 
Jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten 
Patienten psychiatrischer Anstalten 
Andere 
 
Dabei gilt es zu beachten, dass nicht alle Gruppen auch in allen Projektländern zu den vergessenen Opfern gehören. Für uns war entscheidend, dass sie in mindestens einem Projektland, unserer Analyse nach, vergessene Opfergruppen sind. 
 
Ein Erinnerungsort kann bei Bedarf auch mehreren Kategorien zugeordnet werden. Uns ist bewusst, dass verschiedene Opfer(-gruppen) in der Kategorie „Andere“ zusammengefasst und dadurch evtl. gruppenspezifische Unterschiede verwischt werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit haben wir uns aber auf eine begrenze Zahl an Kategorien verständigt.